Aufstehen, umkippen. Aufsetzen. Mein Herz rast. Durch die Sturzbäche in meinen Ohren dringen vertraute Familiengeräusche hindurch. Gut. Niemand mitbekommen. Langsam hochziehen. Anlehnen. Schwarze Flecken vor den Augen. Mein Herz pocht in meinen Ohren, es läuft mit sich selbst um die Wette. Wer wohl schneller ist, geht mir durch den Kopf. Hopp, Diastole, hopp Systole. Noch ein bisschen schneller und es ist aus, denke ich sarkastisch. Der Tinitus fiept im Takt des Wettlaufes mit. Anziehen. Langsam, nicht frei stehend. Nun ins Bad. Es dauert, bis mir auffällt, dass ich nicht durch die Türe gehe, sondern versuche gegen die Wand zu laufen. Ich sehe nichts. Schwarz mein Bild. Ich taste vorsichtig nach der Türklinke. Mein Körper ist taub, ich fühle eine dumpfe Berührung, als meine Hand die Türklinge endlich findet und dagegen donnert. Später ist dort ein blauer Fleck. Kaltes Wasser im Bad. Die Sturzbäche in den Ohren sind unverändert. Ein bisschen Licht dringt durch die Punkte vor meinen Augen, gerade genug für etwas Puder und Kajal. Ich hole tief Luft. Ab in die Küche. Familie ist bereits beim Frühstücken, ich spiele meine Rolle. Versuche meinen Tee wie immer zu trinken, doch meine Hände zittern so, dass die Tasse bei jedem Schluck gegen die Zähne schellt. Nach dem dritten Schluck lasse ich es, stelle sie vorsichtig auf den Tisch. Mein ganzer Körper zittert, mir ist kalt. Das Gespräch nehme ich nur undeutlich wahr, stütze meinen Kopf in die Hände. Es geht nicht, wird mir klar. Ins Bett, hinlegen. Wackelig stehe ich auf, ich hab so Kopfschmerzen, lüge ich in die Richtung, wo ich den Tisch vermute. Meine Stimme ist ein luftiges Etwas. Das Nächste, was ich merke, sind die starken Arme meines Partners, die mich stützen. Fast wäre ich wieder umgekippt. Mami hat wieder Migräne… ist das Letzte was ich höre, bevor sich die Tür schließt und wieder alles schwarz wird.
Im Bett rast mein Herz weiter. Ich versuche gleichmäßig zu atmen, obwohl ich keine Luft bekomme. Fiktive eiserne Ketten schnüren mir die Luft ab. Das Zittern hört nicht auf. Ich höre nichts, außer dem Rasen meines Herzens gemischt mit vielen Wasserfällen und Tinitusvögeln in meinen Ohren. Augen auf, Augen zu, alles schwarz. Augen zu ist besser. Es ist fast halb 7 Uhr. Wieder verschwindet alles…
Als ich das nächste Mal etwas wahrnehme, zeigt die Uhr nach ewigem Draufstarren durch das Dickicht schwarzer Flecken 10.36 Uhr an. Mein Herz klopft immer noch ungewohnt schnell, aber nicht mehr so schnell, dass ich das Gefühl habe, es hoppelt gleich zum Fenster raus. Die Wasserfälle in meinen Ohren haben sich nicht beruhigt.
Um 11.18 Uhr erwache ich wieder. Mein Herz schlägt normal. Ich bekomme mehr Luft. Gut. Ich kann aufstehen. Ich renne mit der Schulter gehen den Türstock, da ich diesen etwa einen halben Meter versetzt vermutet habe, aber es ist egal. Nicht das erste und vermutlich auch nicht das letzte Mal. Nach zwei Schritten, Pause, anlehnen, in die Knie gehen. Ich wanke in die Küche und setze mich. Mein Partner wärmt mir den Tee vom Morgen in der Mikro auf mein Bitten. Meine Stimme klingt wie die eines Zeichentrickmäuschens. Zwei Schlucke. Mehr geht nicht. Am Weg zurück ins Bett muss er mich tragen, sonst wäre ich wieder umgekippt. Ich falle ins Bett und bleibe so liegen, wie ich gelandet bin.
Die Uhr zeigt 14 Uhr etwas, als ich neuerdings erwache. Mein Zustand hat sich nicht verändert. Aufstetzen ist zu viel, mir wird sofort schwindlig. Also surfe ich im Liegen etwas mit dem Handy im Internet, schlafe dabei immer wieder ein.
Später wage ich wieder einen Aufstehversuch, mit ähnlichem Erfolg wie bei den vorherigen Malen. Die Wohnung ist leer. Irgendwie schaffe ich es, mir eine Dosensuppe zu wärmen, das meiste davon landet im Klo. Zumindest sieht es aus, als hätte ich etwas gegessen.
Abends umsorgt mich meine Familie liebevoll, doch alles was ich will ist Ruhe. Aufsetzen ist gleich Schwindel. Egal. Alles zu viel.
In der Nacht plagen mich wilde Träume von riesigen Lebensmitteln und gehässigen Waagen, die mich verfolgen. Morgens erwache ich platschnass.
Das nächste Mal, es ist der nächste Tag, als ich aufwache, höre ich, wie meine Familie gerade das Haus verlässt. Mein Partner sieht kurz nach mir, ich weiß nicht mehr, was wir gesprochen haben. Es ist Wochenende und wir hatten mit irgend jemanden ausgemacht. Ich bin entschuldigt. Zum Glück.
Am späten Vormittag präpariere ich die Küche so, als hätte ich etwas gegessen. Für drei Mahlzeiten. Morgens, Mittags, Nachmittags. Sie kommen erst Abends, also landen einige saubere Töpfe und sonstiges Geschirr im Spüler und ich schalte ihn ein. Einige Lebensmittel aus dem Frierer landen im Klo. Während ich das alles mache, muss ich mich bestimmt zwanzig Mal hinsetzen. Selbst das Essen greife ich mit Einweghandschuhen an, so sehr ekelt es mich. Danach bin ich fix und fertig, völlig am Ende.
Ich schlafe wieder ein, schrecke ab und an hoch. Telefoniere zweimal mit der Familie. Ja, es geht mir etwas besser. Das und das hab ich gegessen. Sie sind froh.
Am späten Nachmittag wache ich auf. 16.07 Uhr. Wieder wanke ich in die Küche. Diesmal esse ich etwas. Etwas Käse. Exakt 160 kcal. Dann drei Bierbrezel. Und zwei Eier. Spiegelei. Vier große Kaffeelöffel Nutella. Ein Knoppers und drei Amicelli. Und einen Pfirsichring. Das Ohrenrauschen ist weg. Der Bauch schmerzt. Alles landet im Klo.

Irgendwann ist alles vorbei. Der Magen leer, das Hirn aus. Der Körper gefühllos. Ich sinniere, überlege wie es vorher war. Vor der Es. Ich erinnere mich vage an Nutellabrote und weiche Eier zum Frühstück. Selbst gemachtes Mamakartoffelpürree mit Erbsenkarottengemüse und gebratenen Knackern. Und drei Teller Backerbsensuppe, die mein Vater meist vor dem Essen aß, weil er oft so hungrig war. Abends oft Milchmuß mit Kochschokolade. Esse ich heute noch gerne. Nicht, dass ich es tatsächlich behalte. Es war schön, das weiß ich noch. Aber an das Gefühl dabei erinnere ich mich nicht mehr. Zu sehr verdrängt von allem späteren. Ich erinnere mich an das Gefühl der Taubheit während des Fressens in den Bingephasen, als ich ohne Punkt und Beistrich fraß. So sehr fraß, dass ich in einem Jahr 45kg zunahm und mich somit verdoppelte. Später nahm ich sie wieder ab. Ich erinnere mich an das Gefühl bei früheren Kontrollverlusten, bei Fressorgien, bei Kotzorgien, bei allem. Aber nicht mehr, wie man fühlt, dass man normal isst. Jedes normale Essen ist eine blanke Horrorvorstellung. Selbst jetzt sehe ich alles zu intensiv, zu farbig, zu scharf… Die Ohren singen. Selbst wenn ich was essen wollte. Entweder es wäre zu viel oder zu wenig.

Geistig bin ich nicht ganz da. Dies ist als persönliche Notiz zu sehen… um mich später zu erinnern.

jeder Tag

Der Tag läuft immer gleich ab. Aufwachen. Warten bis der Wecker abgeht. Die Wärme unter der Bettdecke noch kurz genießen. Vielleicht die Hüften abtasten. Den Wecker ausmachen und auf Toilette gehen. Gegenüber von meinem Bett steht ein Spiegel: er reicht vom Boden bis zur Decke. Ich sehe nicht hinein. Das, was ich aus den Augenwinkeln wahrnehme, langt vollkommen, dass mir schon fast schlecht wird. Nach Toilette auf die Waage. Zweimal. Sicherheitshalber. Vorher wird das Haarband abgelegt. Das Ergebnis bestimmt über Ernährungsnotwendigkeiten über den Tag hinweg. Danach, anziehen. Mit dem Spiegel notgedrungen abgleichen. Bh, Top, Leibchen, Pulli… lieber einen Tick zu warm als zu kalt. Schichtprinzip. Ausziehen kann man immer. Während dessen immer ein paar Minuten über dem kleinen Elektroheizgerät aufwärmen. Dann ins Bad. Gesicht reinigen, Augenbrauen facionieren, Gesichtscreme. Makeup darüber, während dieses trocknet, die Wimpern tuschen. Kajal hineinschmieren, mit Wattestäbchen nachbearbeiten, schwarzer dünner Lidstrich mit flüssigem Eyeliner oben drauf, wieder nachbearbeiten. Glanz wegpudern, Rouge drauf. Augenbrauen nachmalen. Kontaktlinsen hinein. Frisieren, Haarspray, fertig. Weiter in die Küche. Morgentlicher Espresso, dazu ein Glas Holundersaft. Boden nicht ganz bedeckt mit Sirup auf 0,3 verdünnt, eventuell ein Frühstück. Je nach dem. Oder Energydrink. Für den Stoffwechsel. Dann arbeiten. Eventuell Mittags ne Kleinigkeit, weiterarbeiten. Vielleicht auch statt Mittags lieber am Nachmittag etwas. Manchmal auch dazwischen Einkaufen oder sonstige Erledigungen machen. Vielleicht manchmal Soziales pflegen. Abends dann Sport, duschen, Haarewaschen. Meine Kokosbodylotion verwenden. Ein bewusster Blick in den Spiegel. Noch etwas an den PC oder hinter ein Buch. Oder Familie. Oder eine Mischung. Licht aus. Nach 20 Uhr nichts mehr trinken, das Ergebnis könnte das morgentliche Wiegeergebnis verfälschen. Überlegen, was am nächsten Tag gegessen wird, je nach dem was die Waage spricht. Warten bis der Schlaf einen übermannt. Halluzinieren über Essen. In der Nacht öfters aufwachen, schlecht schlafen. Wärmekissen gegen das Frieren auf der einen Seite, Partner auf der anderen. Manchmal vor dem Einschlafen einen 5kcal Traubenzucker – dann geht es besser.

Im Grunde langweilig, bieder und normal… Aber ich mag es so.

hungrige Träume

Semmelgeruch plötzlich, überall. Kurz vor dem Einschlafen, fast schon im Land der Träume. Nirgendwo eine Quelle, woher. Einschlafen in Semmeln. Verwirrende  Träume von Nutella. Von Badewannen aus flüssiger Schokolade. Ich fühle die sanfte, klebrige Wärme. Zerreibe sie zwischen meinen Fingern, bis sie bröselt. Schokolade überall um mich herum, ich rieche sie. Die Schokolade verschwindet. Ich liege gebettet auf saftigen Semmeln, der Geruch betört, ich werde noch wirrer im Kopf. Die Semmeln tanzen um mich herum, in meinen Kopf hinein, durch meinen Kopf hindurch. Ich möchte nach ihnen greifen, sie berühren. Meine Hände sind schwer, keine Kraft sie zu heben. Sie sind taub, gefühllos. Das knusprige Knacken, wie die Semmeln brechen, treibt Speichel in meinen Mund. Meine Zunge ist trocken und klebt am Gaumen. Ich kann nicht atmen. Dazwischen Geruch von leckerem Kornbrot, dominiert langsam. Sesambrötchen, Sonnenblumenbrötchen, Leinsamenbrötchen. Fliegen um mich herum, wie Blätter im Herbstwind. Er zerstubbelt meine Haare, bläst sie mir in die Augen. Ich fliege. Kein Oben, kein Unten. Federleicht. Um mich herum die Brösel. Streifen meine Haut. Kratzen ein wenig. Schwindel. Ich falle. Alles ist schwarz. Bleibt schwarz. Ohrensausen. Liege plötzlich wieder weich. Pommes. Die Semmeln wichen dem Geruch von Pommes, wie frisch von Mäcces. Dazu der fettige Geruch des Fleisches. Fast sehe ich das Fett heraustropfen, wie es gebraten wird. Die kleinen Fettbläschen köcheln. Käse mischt sich in der Luft dazu. Fast schon ist mir schlecht, aber ich kann nicht fliehen. Mein Körper, unfähig sich zu bewegen. Ein wirrer Sog hat mich erfasst, treibt mich durch die bunte Welt aller Gerüche. Ich habe keine Orientierung, verliere fast den Verstand. Zwischen frittierten Pommes, Burgerfleisch mit Käse und Sour Cream Sauce. Farben verschwimmen, Ohnmacht ergreift mich. Alles schwarz. Die Gerüche noch da. Bewegungsunfähig. Paranoid. Kälte überall. Alles ist zu viel. Ich bin zu viel.

Nutella. Papa und ich.

Wie es einmal war. Vor langer Zeit.

bitte hab mich lieb

Ich schleiche durch die Straßen, sehe den Leuten nach, wie sie lachend in Gruppen dahin gehen. Überlege, wann ich das letzte Mal lachend und unbeschwert durch die Straßen gehen konnte, eingehängt Arm in Arm mit einer Freundin an jeder Seite. Mir fällt kein Datum dazu ein. Angepasst höfflich mitlachend, aber nicht Arm in Arm. Ist aber auch schon einige Zeit her. Eingehängt wäre wohl zu nahe. Körperkontakt. Sie könnte die Fettschicht fühlen. Egal, dass die wenigen verbliebenen wirklich engen Freundinnen alle eine dickere Schicht haben als ich. Die Menschen sitzen in den kerzenbeleuchteten Gastgärten, Musik spielt um sie herum. Straßenlärm übertönt alles nach und nach, während ich passiere. Ich greife zum Handy, rufe eine Freundin an. Wir vereinbaren einen Kinoabend. Ich rufe eine andere Freundin an, wir vereinbaren einen Kinoabend. Sie freuen sich so sehr. Fast habe ich ein schlechtes Gewissen. Die Filme sind mir egal. Welchen sie vorschlagen, den will ich sehen. Oder ich schlage einen vor, wohl den einzigen den ich kenne, der gerade läuft, weil ich die Vorschau im TV gesehen habe, oder auf dem Kinoplakat. Im Grunde ist es egal. Party machen danach, morgens nach Hause. Ich weiß gar nicht, wann ich mich das letzte Mal mit einer Freundin getroffen habe. Die Zeit verrinnt, ich bin so beschäftigt damit, meine Arbeit zu schaffen, den Tag zu überleben und nicht unterzugehen, da ist kein Platz für Freunde. Ich mag sie alle wirklich, aber ich lebe wohl zu weit weg, als dass sie ich sie so präsent wahrnehmen kann wie sie gerne wären. Sie melden sie brav, ich schreibe brav zurück. Ich passe mich an, um gemocht zu werden. Ich bin immer schon alleine gewesen. Es gab nur meine Eltern, meine Oma und mich. Es gab keinen Gameboy – das verblödet, es gab kein Wickie – das ist dumm, es hab keine Jeans – das sind Gartenhosen. Es gab Messer und Gabel ab meinem zweiten Lebensjahr und Selbständigkeit, später dazu Tierdokumentationen, selbstgenähte Kleider von meiner Oma und Bücher en masse. Kein anderes Kind fand das toll. Kein anderes Kind verstand das. Ich selbst verstand es nicht. Als ich älter wurde, verstand ich es. Es ging darum, seinen Weg zu finden. Das habe ich. Nur das Leitsystem war etwas zu extrem und übertrieben ausgefallen. Aus bestem Wissen und Gewissen. Ich mache keine Vorwürfe. Ich bin den schwierigen Weg gegangen. Den Weg, des Kindes in der Schule, das man nicht berühren darf, weil es giftig ist, den Weg des Kindes, das auf der Straße fast vom Mathelehrer zusammengefahren wurde, weil es im Gehen las, den Weg des Kindes, das jahrelang überlegt hat, wo sein Fehler liegt, bis es drauf gekommen ist, dass es den wohl nie finden wird. Dieser Weg, der mich scheinbar nach außenhin stark gemacht hat. Der Weg, gepflastert mit Hinkelsteinen, links und rechts kein Ausweg, kein Trampelpfad, nicht mal eine Mulde zum Verstecken, der mich mein Leben entlang führt, dem ich zu folgen versuche und meine Art aufzutreten, die mich nach außen arrogant wirken lässt, eingebildet und hochgestochen. Oft der erste Eindruck, wie man mich sieht. Mein kompliziertes Denken, angereichert mit Gedankensprüngen, dem ich selbst oft nicht folgen kann, die anerzogene Bildung, mit der ich gemästet wurde, die schreckliche Ausdrucksweise und meine komplizierten diffusen Sätze – keine Dinge, die mich beliebt machen, denn sie wirken wohl merkwürdig auf andere. Mit dem selbstverständlichen Gebrauch von Fremdwörtern machte ich mich im ersten Schuljahr schon unbeliebt, ebenso damit, dass ich bereits vor der Einschulung Lesen, Rechnen und Schreiben konnte. Dass die Tochter mehrere Sprachen lernt, Abi macht, diverse Musikinstrumente lernt und dann studiert war mir zwar offengelegt, wurde im Grunde erhofft, wenn auch nicht offiziell erwartet. Dem mir fremden Großvater kurz vor dem Sterbebett etwas auf der Violine vorspielen? Eher hätte ich ihm entgegengekotzt. Es kam nicht dazu, es interessierte ihn nicht. Ein Grund mehr ihn zu verachten. Die fremde Großmutter bei der zweiten Begegnung beeindrucken. Ich fragte sie, als sie mir vorgestellt wurde, wie ich sie nennen sollte. Ja Omilein, natürlich. Ich habe eine Oma. Sie war immer da, wenn ich sie brauchte. Diese Frau würde ihr nie das Wasser reichen können. Dennoch wollte ich sie beeindrucken, weil es von mir erwartet wurde. So saß ich still auf der Couch, die Lackschühchen ordentlich an der Seite abgestellt, die Zöpfe hinter den Ohren, und las ein Buch über Vögel. Sie war so zuckersüß und falsch. Ach, wie anstrengend Kinder doch sein können, gerade in diesem, meinem, Alter, seufte sie zu meinem Vater, ihrem ungeliebtem Sohn, den sie bekommen hatte, weil sie kein Kondom zu benutzen wusste, wie sie meinen Eltern am Tage ihrer Hochzeit anno dazumal charmanterweise mitgeteilt hatte. Keinen Ton hatte ich gesagt. Ich hatte weder gestört, noch sonst was. Ich war nur da. Meinem Vater verschlug es die Luft. Seit diesem Tag verachtete er sie wohl noch mehr. Ich sah sie noch einmal, am nächsten Tag, als sie Gans kochte. Seither hasse ich Gans. Als ich vor einigen Jahren in der Zeitung eine Geburtstagsannonce meines Onkels und Cousins über sie als liebende Großmutter und unentbehrliches Familienmitglied las, musste ich an das einzige Geschenk denken, das sie mir jemals gemacht hatte: eine braune Paketschachtel mit Süßigkeiten, die ich nicht mochte, ein Metronom, das ich später weiterschenkte und ein Kinderbuch, ungeeignet für mein Alter, in dessen Besitz ich schon lange nicht mehr bin. Ich las die Anzeige tausend Mal durch. Die Zeitung warf ich weg. Ich wollte ihr widerwärtiges Grinsen von dem abgedruckten Foto nicht mehr sehen.  Also gab es nur meine Eltern, meine Oma und mich. Ich war ein braves, angepasstes Kind, begleitete die Mutter stets am Nachmittag lesend und Hausaufgaben machend beim Außendienst, lernte selbst Klavier, war einfach schön zum Vorzeigen. Etwas hässlich vielleicht, mit den Cordhosen der 90er Jahre, dem Zopf, der irgendwann abgeschnitten wurde, später die Haare, die wieder nachwuchsen und hochgesteckt wurden – die nun offen herab hängen, bis zur Brust, gestuft geschnitten und modisch gestylt. Ich war uncool. Ich war out. Ich trug Unterhemden, die andere als Trägerleibchen trugen, ich trug Baumwollunterhosen, obwohl andere schon String Tangas trugen, ich durfte nicht nachmittagelang fernsehen und ich besaß nur ein Computerspiel: Caesar II. Aber das durfte ich auch nicht jeden Tag stundenlang spielen. Lieber las ich jeden Tag 800 Seiten Bücher. Ich war uncool. Meine Klassenkameraden mobbten mich, heute kann ich es sagen. Einmal kam ich mit meiner hellgrünen Windjacke heim, auf die jemand Ich bin blöd!!! draufgeschrieben hatte nach Hause. Es war meine Banknachbarin gewesen – sie war böse auf mich, weil die Lehrerin sie, im Sinne des Klassenmiteinanders und jeder mit jedem und blabla, neben mich gesetzt hatte. Es war nicht die erste Aktion, nicht die harmloseste und nicht die letzte. Damals verkroch ich mich in die Welt der Bücher. Jede Pause, jede freie Minute, jede Nacht träumte ich mich weg. Meine Eltern konnten meine Probleme nicht sehen, ich wollte es auch nicht. Es sollte ihre schöne Welt nicht darunter leiden, dass ich nicht fähig war, im Team zu spielen. Ich hatte zwei Freundinnen in meiner Klasse. Zwei gute Freundinnen und noch drei weitere, die mit mir sprachen. Von 31 Kindern. Von diesen 5 Personen habe ich mit 3 noch Kontakt. Den Rest grüße ich selbst heute noch nicht, viele Jahre nach dem Abi. Jahrelang habe ich darum gekämpft, dass sie mich mochten. Mich verändert, angepasst. Ich begann Jeans zu tragen, obwohl sie mich zwickten. Ich begann einen Bh zu tragen, weil alle anderen auch einen trugen. Ich begann mich zu schminken, weil die anderen es auch taten. Ich tat alles, was die anderen auch taten. Nur schien ich dennoch etwas falsch zu machen. Denn sie hassten mich trotzdem und lachten mich weiterhin aus. Besonders wenn ich etwas veränderte bekam aufgrund dessen mindestens ein superempatischer Mitschüler einen Lachanfall. Zuhause war auch nicht alles rosig, bis noch einige Erlebnisse dazu kamen, die niemals ausgesprochen werden sollen, und ich damals das erste Mal daran dachte, allem ein Ende zu setzen. Ich begann mich zu verändern. Wenn jemand meine Sachen kaputt machte, wurden seine auch zerstört. Witzigerweise verstand niemand meine Reaktion. Ich begann zu verstehen. Sie sahen es als Spaß. Irgendwann zuckte ich so aus, dass danach wirklich Ruhe war und mich alle aus dem Weg gingen. Plötzlich hatten alle Angst. Unverständnis kam auf, weitere Versuche mich zu mobben conterte ich eiskalt und irgendwann hatte ich meine Ruhe. Aber ich war auch alleine. Nach Jahren des Horrors endlich Ruhe. Es wurde anders. Ich war einfach nicht da. Wenn man musste arbeitete man mit mir, wenn nicht, war ich Luft. So manch eine redete im Zuge einer Pflichtarbeit mit mir, dann kam oft der Kommentar, dass ich ja eigentlich echt nett wäre. Aber am nächsten Tag war ich wieder Luft. Gerade zum Trotz fuhr ich mit auf die Abireise. Eine der Freundinnen, mit der ich heute noch Kontakt habe, erzählte mir später, dass damals bei dieser Reise alle neidisch gewesen wären auf meinen tollen Körper, wie ich da mit schwarzem String Tanga am türkischen Strand gelegen hatte. Dunkelbraun gebrannt. In der Woche damals war es wirklich etwas besser gewesen, wir grüßten einander sogar. Und ich aß etwas. Das Buffet war gewaltig. Ich hatte ca. einen BMI von 16. Wieder. Dass ich da schon wieder zugenommen gehabt hatte war niemandem aufgefallen. Die Schulkollegin, die damals in Ms Thera war, ja die schon. Aber bei mir kam niemand darauf. Ich war wohl zu uninteressant. Neben der Schule las ich viel, lernte Instrumente, ging den obligatorischen Tanzkurs. Drei Jahre lang ging ich Tanzen, ich wage zu sagen, dass ich nicht die schlechteste war. Eigentlich wollte ich sogar Turniertanzen beginnen. Es kam aber etwas dazwischen. Ich spielte im Orchester, ich sang im Chor, ich tanzte. Während des letzten Schuljahres arbeitete ich bereits jedes Wochenende nebenher und verdiente Geld. Später studierte ich. Eine Freundin aus meiner Kindheit ist mir geblieben. Nach acht Jahren ungewollten Kontaktverlust trafen wir uns wieder. Sie hält mir bis heute die Treue. Später meine Trauzeugin. Ich habe in meiner Schulzeit eines gut gelernt: nicht zu zeigen, wie es mir wirklich geht. Ich konnte nicht jeden Tag tausend Mal in Tränen ausbrechen. Sie lachten jedes Mal noch mehr und so verdrehte ich alles. Wenn ich weinen wollte lachte ich. Und wenn ich wütend war, verhielt ich mich besonders nett. Man muss den Feind kennen. Bis heute ist das in mir drin. Ich trete selbstsicher auf. Habe ich damals gelernt. Ich sage was ich will, bestimme vielleicht etwas zu viel. Ich gebe mich gebildet und klug. Ich simuliere gut. Ich kann mich gut verkaufen. Und statt in Bücher, die mich fast in Autounfälle verwickelt hätten, wenn meine Lehrer nicht immer gebremst hätten, zu flüchten, kompensiere ich meine Probleme jetzt mit anderen Dingen. Es passt so. Wie es ist. Es erfüllt den Zweck. Und der heiligt die Mittel.
Im Grunde ist alles zu viel. Ich bin zu viel, der Alltag ist zu viel, die zu bewältigenden Aufgaben sind zu viel. Es lässt sich aber leichter erledigen, wenn man nicht so ganz da ist. Wenn der Hunger, den man sowieso nicht mehr spürt, ein paar andere unnütze Gefühle mit nimmt. Macht alles leichter. Nach außen bin ich wohl das, was man schön nennt. Sagen die anderen. Ich mag es nicht so nennen, denn ich weiß, warum ich so geworden bin. Ich beneide jede Frau, die mit fleckiger Haut und ungeschminkt, mit Jogginghose und Schwabbelbauch den Mut hat, das Haus zu verlassen. Ich kann es nicht. Es könnte mich jemand sehen. Jemand, der mich vielleicht auslacht. Oder anderen sagt, schau, wie sie sich gehen lässt. Und das darf nie geschehen. Niemals. Nicht einmal nach dem Sport. So ist wohl jede schöner als ich. Es ist im Grunde alles nur Fassade. Und ich bin perfekt im Fassadenbauen. Mein zeitfüllendstes Hobby. Neben Abnehmen. Im Grunde hasse ich auch Einkaufen, wenngleich es sehr befriedigend ist, sich eine neue Hose zu kaufen – eine Nummer kleiner als diejenige, welche man gerade trägt. Und die perfekt passt. Alles, nur um zu gefallen. Um angepasst zu sein. Um gemocht zu werden.
Ich halte mich selbst nicht für einen Unmensch. Eigentlich bin ich so der Mutti-Typ. Immer für alle da, immer für alles zu haben. Für alle die Freundin zum ausweinen. Solche Freunde habe ich viele. Und das Beste ist, dass ich das auch noch gerne mache. Es gibt mir ein bisschen einen Sinn, es ist schön. I like it. Aber was bleibt, ist die Tatsache, dass ich mich sogar vor mir selbst zu gut verstecke. Hinter der Es. Hinter meiner Piccobellofassade. Ich glaube es selbst. Mehr und mehr. Es tut gut. Kitte jede Lücke penibelst. Um nie wieder ausgegrenzt zu werden. Ich will doch nur, dass man mich lieb hat.

Leierkasten

Im Grunde ist es egal. Egal, was die anderen denken. Oder was sie mir täglich sagen. Ich sage ja und mache dann das, was ich für richtig halte. Oder besser: eigentlich mache ich es nicht. Denn nein, ich esse nicht mehr. Und nein, ich höre nicht auf mit dem Abnehmen. Sie wissen doch immer alles besser. Alle wissen immer, was gut für einen ist. Warum kann man die Menschen nicht so sein lassen? Und wieso vertreten sie die irrige Meinung, es würde durch wiederholtes Sagen desselben Unsinns realer? Die Stimmen zerrinnen, wie die Schokolade in der Sonne und alles was bleibt ist die leere Verpackung. Die Hose, in die man nicht mehr hinein passt, weil sie zu groß ist. Eine verwirrende Mischung aus Komplimenten, Besserwisserei und Neid umgibt mich. Freundinnen, welche meine offiziellen Essgewohnheiten imitieren. Weil sie abnehmen möchten. Menschen, die mich bewundern wegen meiner tollen Figur – doch sie sehen nicht die Fettpolster, die unter der Jeans versteckt sind. Oder die stagnierende Waage, seit Wochen. Auf kein Kilo Differenz komme ich. Aber plötzlich sehen sie alle eine angebliche Veränderung. Lachhaft. Es gibt dann noch die Restgruppe, diejenigen anderen, welche mir vorschreiben wollen, was ich nicht mehr tun soll. Es ist traurig, dass diejenigen, die mich nicht fallen gelassen hatten, als ich sie gebraucht hätte, genau die sind, welche mich jetzt bewundern. Diejenigen, die mich imitieren. Einmal auf meiner Seite, immer auf meiner Seite. Und diejenigen, die nicht für mich da waren, sind jetzt die, welche mir Vorhaltungen machen. Ich frage mich, ob es da einen Zusammenhang gibt. Kann es denn sein, dass trotz enger sozialer und emotionaler Bindung solche Gespräche und Gedanken entstehen können? Manche Menschen stehen einem einfach zu nahe, um sie von sich zu weisen. Und kontert man, was sie eigentlich selbst alles nicht geschafft haben und wie ungesund sie sich ernähren und inwiefern sie dies dazu befähige über einen selbst zu urteilen, so wird dies nicht als gleichwertige und eventuell aufrüttelnde Kritik verstanden sondern als Unverschämtheit. Aber die Frage bleibt: wie macht man Menschen bewusst, dass – egal aus welchen Ideologien und Ambitionen heraus – sie mir nichts vorzuschreiben haben, wie ich mein Leben zu leben habe. Oft ein täglicher Kleinkrieg, der nie endet. Es ist mir egal, weil ich weiß es besser. Ich weiß, was gut für mich ist, ich weiß, wie ich alles zu machen habe. Aber es nervt. Ein schier permanenter unentsorgbarer Leierkasten, der immer dieselbe Melodie spielt. Verbogen, schrecklich und falsch. Überzeugt von der eigenen Meinung und penetrant laut.

hab ich schon

Psychisch am Boden. Nichts, was ich dagegen machen kann. Weinen unmöglich. Nicht mal die Kälte meiner Gliedern fühlend. Gedanken an Menschen, die nicht zu mir gehalten haben kommen hoch. Menschen, die mich fallen gelassen haben, als ich sie gebraucht habe. Menschen, die nicht für mich da waren, als ich niemanden hatte. Menschen, die mir jetzt vorschreiben wollen, wie hässlich meine Schlüsselbeine heraus stehen. Nicht genug für mich. Wenn du so weitermachst, steuerst du noch auf eine Psychose zu. Danke, hab ich schon. Nicht, dass es dich etwas anginge. Eine halbe Gurke war heute zuviel. Sport gestern, bis ich nur noch schwarz gesehen habe, keine Luft mehr bekam und nichts mehr gehört habe… heute – Muskeln ertaubt, so sehr schmerzt es. Sie lässt mich nicht los. Vergeblich hoffend auf eine Nachricht von ihr. Ich habe mich gemeldet. Bei ihr. Der Kopf dröhnt. Ohren sausen. Blut pocht hindurch. Eine eisige Hand umklammert mein Herz und ich will nicht denken müssen. Angst vor der Waage, weil alles stagniert trotz Reduktion und mehr Sport. Alles ist zuviel – ich bin zuviel. Ich möchte verschwinden, aber ich bin noch da. Ich solle nicht weiter abnehmen, die Knochen seien hässlich. Sie haben keinen Sinn für Ästhetik. Knochen sind wundervoll. Beweis meiner Disziplin. Beweis, dass alles richtig läuft. Beweis, dass ich noch nicht die Kontrolle verloren habe. Alles andere entgleitet mir, verschwindet in verschwommene Aufgaben, die es zu erledigen gilt und alten Erinnerungen, welche mehr und mehr in mein Bewusstsein zurück finden. Totenstille um mich. Selbst mein Atem ist unhörbar. Wirre Gedanken, nicht fähig sie zu ordnen…