Aufstehen, umkippen. Aufsetzen. Mein Herz rast. Durch die Sturzbäche in meinen Ohren dringen vertraute Familiengeräusche hindurch. Gut. Niemand mitbekommen. Langsam hochziehen. Anlehnen. Schwarze Flecken vor den Augen. Mein Herz pocht in meinen Ohren, es läuft mit sich selbst um die Wette. Wer wohl schneller ist, geht mir durch den Kopf. Hopp, Diastole, hopp Systole. Noch ein bisschen schneller und es ist aus, denke ich sarkastisch. Der Tinitus fiept im Takt des Wettlaufes mit. Anziehen. Langsam, nicht frei stehend. Nun ins Bad. Es dauert, bis mir auffällt, dass ich nicht durch die Türe gehe, sondern versuche gegen die Wand zu laufen. Ich sehe nichts. Schwarz mein Bild. Ich taste vorsichtig nach der Türklinke. Mein Körper ist taub, ich fühle eine dumpfe Berührung, als meine Hand die Türklinge endlich findet und dagegen donnert. Später ist dort ein blauer Fleck. Kaltes Wasser im Bad. Die Sturzbäche in den Ohren sind unverändert. Ein bisschen Licht dringt durch die Punkte vor meinen Augen, gerade genug für etwas Puder und Kajal. Ich hole tief Luft. Ab in die Küche. Familie ist bereits beim Frühstücken, ich spiele meine Rolle. Versuche meinen Tee wie immer zu trinken, doch meine Hände zittern so, dass die Tasse bei jedem Schluck gegen die Zähne schellt. Nach dem dritten Schluck lasse ich es, stelle sie vorsichtig auf den Tisch. Mein ganzer Körper zittert, mir ist kalt. Das Gespräch nehme ich nur undeutlich wahr, stütze meinen Kopf in die Hände. Es geht nicht, wird mir klar. Ins Bett, hinlegen. Wackelig stehe ich auf, ich hab so Kopfschmerzen, lüge ich in die Richtung, wo ich den Tisch vermute. Meine Stimme ist ein luftiges Etwas. Das Nächste, was ich merke, sind die starken Arme meines Partners, die mich stützen. Fast wäre ich wieder umgekippt. Mami hat wieder Migräne… ist das Letzte was ich höre, bevor sich die Tür schließt und wieder alles schwarz wird.
Im Bett rast mein Herz weiter. Ich versuche gleichmäßig zu atmen, obwohl ich keine Luft bekomme. Fiktive eiserne Ketten schnüren mir die Luft ab. Das Zittern hört nicht auf. Ich höre nichts, außer dem Rasen meines Herzens gemischt mit vielen Wasserfällen und Tinitusvögeln in meinen Ohren. Augen auf, Augen zu, alles schwarz. Augen zu ist besser. Es ist fast halb 7 Uhr. Wieder verschwindet alles…
Als ich das nächste Mal etwas wahrnehme, zeigt die Uhr nach ewigem Draufstarren durch das Dickicht schwarzer Flecken 10.36 Uhr an. Mein Herz klopft immer noch ungewohnt schnell, aber nicht mehr so schnell, dass ich das Gefühl habe, es hoppelt gleich zum Fenster raus. Die Wasserfälle in meinen Ohren haben sich nicht beruhigt.
Um 11.18 Uhr erwache ich wieder. Mein Herz schlägt normal. Ich bekomme mehr Luft. Gut. Ich kann aufstehen. Ich renne mit der Schulter gehen den Türstock, da ich diesen etwa einen halben Meter versetzt vermutet habe, aber es ist egal. Nicht das erste und vermutlich auch nicht das letzte Mal. Nach zwei Schritten, Pause, anlehnen, in die Knie gehen. Ich wanke in die Küche und setze mich. Mein Partner wärmt mir den Tee vom Morgen in der Mikro auf mein Bitten. Meine Stimme klingt wie die eines Zeichentrickmäuschens. Zwei Schlucke. Mehr geht nicht. Am Weg zurück ins Bett muss er mich tragen, sonst wäre ich wieder umgekippt. Ich falle ins Bett und bleibe so liegen, wie ich gelandet bin.
Die Uhr zeigt 14 Uhr etwas, als ich neuerdings erwache. Mein Zustand hat sich nicht verändert. Aufstetzen ist zu viel, mir wird sofort schwindlig. Also surfe ich im Liegen etwas mit dem Handy im Internet, schlafe dabei immer wieder ein.
Später wage ich wieder einen Aufstehversuch, mit ähnlichem Erfolg wie bei den vorherigen Malen. Die Wohnung ist leer. Irgendwie schaffe ich es, mir eine Dosensuppe zu wärmen, das meiste davon landet im Klo. Zumindest sieht es aus, als hätte ich etwas gegessen.
Abends umsorgt mich meine Familie liebevoll, doch alles was ich will ist Ruhe. Aufsetzen ist gleich Schwindel. Egal. Alles zu viel.
In der Nacht plagen mich wilde Träume von riesigen Lebensmitteln und gehässigen Waagen, die mich verfolgen. Morgens erwache ich platschnass.
Das nächste Mal, es ist der nächste Tag, als ich aufwache, höre ich, wie meine Familie gerade das Haus verlässt. Mein Partner sieht kurz nach mir, ich weiß nicht mehr, was wir gesprochen haben. Es ist Wochenende und wir hatten mit irgend jemanden ausgemacht. Ich bin entschuldigt. Zum Glück.
Am späten Vormittag präpariere ich die Küche so, als hätte ich etwas gegessen. Für drei Mahlzeiten. Morgens, Mittags, Nachmittags. Sie kommen erst Abends, also landen einige saubere Töpfe und sonstiges Geschirr im Spüler und ich schalte ihn ein. Einige Lebensmittel aus dem Frierer landen im Klo. Während ich das alles mache, muss ich mich bestimmt zwanzig Mal hinsetzen. Selbst das Essen greife ich mit Einweghandschuhen an, so sehr ekelt es mich. Danach bin ich fix und fertig, völlig am Ende.
Ich schlafe wieder ein, schrecke ab und an hoch. Telefoniere zweimal mit der Familie. Ja, es geht mir etwas besser. Das und das hab ich gegessen. Sie sind froh.
Am späten Nachmittag wache ich auf. 16.07 Uhr. Wieder wanke ich in die Küche. Diesmal esse ich etwas. Etwas Käse. Exakt 160 kcal. Dann drei Bierbrezel. Und zwei Eier. Spiegelei. Vier große Kaffeelöffel Nutella. Ein Knoppers und drei Amicelli. Und einen Pfirsichring. Das Ohrenrauschen ist weg. Der Bauch schmerzt. Alles landet im Klo.
Irgendwann ist alles vorbei. Der Magen leer, das Hirn aus. Der Körper gefühllos. Ich sinniere, überlege wie es vorher war. Vor der Es. Ich erinnere mich vage an Nutellabrote und weiche Eier zum Frühstück. Selbst gemachtes Mamakartoffelpürree mit Erbsenkarottengemüse und gebratenen Knackern. Und drei Teller Backerbsensuppe, die mein Vater meist vor dem Essen aß, weil er oft so hungrig war. Abends oft Milchmuß mit Kochschokolade. Esse ich heute noch gerne. Nicht, dass ich es tatsächlich behalte. Es war schön, das weiß ich noch. Aber an das Gefühl dabei erinnere ich mich nicht mehr. Zu sehr verdrängt von allem späteren. Ich erinnere mich an das Gefühl der Taubheit während des Fressens in den Bingephasen, als ich ohne Punkt und Beistrich fraß. So sehr fraß, dass ich in einem Jahr 45kg zunahm und mich somit verdoppelte. Später nahm ich sie wieder ab. Ich erinnere mich an das Gefühl bei früheren Kontrollverlusten, bei Fressorgien, bei Kotzorgien, bei allem. Aber nicht mehr, wie man fühlt, dass man normal isst. Jedes normale Essen ist eine blanke Horrorvorstellung. Selbst jetzt sehe ich alles zu intensiv, zu farbig, zu scharf… Die Ohren singen. Selbst wenn ich was essen wollte. Entweder es wäre zu viel oder zu wenig.
Geistig bin ich nicht ganz da. Dies ist als persönliche Notiz zu sehen… um mich später zu erinnern.
